Weiter Weg bis zur inklusiven Gesellschaft

Daniel Wiedmann ist aktiver Genosse in unserer Basisgruppe und gehbehindert. Im Alltag ist er maßgeblich von einer vollumfänglichen Inklusion betroffen, bzw. leider aktuell nicht betroffen. In seinem Artikel setzt er sich mit dem Ist-Stand im 21. Jahrhundert auseinander. Dabei bezieht er sich auch auf die AfD, die sich gegen eine gesellschaftliche Teilhabe von Behinderten ausspricht.

Seit ich vor kurzem mein Fachabitur erfolgreich abgeschlossen habe, arbeite ich nun im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes in einer Einrichtung für erwachsene Menschen mit Behinderung, in der ihnen die selbstbestimmte und volle Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht wird.

Auch ich selbst bin gehbehindert, weshalb mir persönlich das Thema Inklusion eine wahre Herzensangelegenheit ist.

Bei meiner Arbeit erlebe ich tagtäglich, wie schön es ist, über Inklusion nicht nur dauernd zu reden, sondern sie aktiv umzusetzen und zu leben. Nun könnte man sagen, Inklusion ist dann geschafft, wenn Menschen mit Behinderung zunächst ohne Weiteres eine staatliche Regelschule besuchen könnten, später dann ein Arbeitsverhältnis auf dem freien Arbeitsmarkt eingehen könnten und von der Gesellschaft so akzeptiert und vor allem respektiert würden, wie sie sind. Doch leider sind wir von dieser Idealvorstellung derzeit noch weit entfernt. Denn dafür bräuchte es völlig andere Rahmenbedingungen. In einem kapitalistischen System, in welchem der wirtschaftliche Mehrwert entscheidend ist – so wie wir es momentan in Deutschland vorfinden – ist so etwas nicht umsetzbar.

Was deshalb dringend notwendig wäre, ist ein Umdenken in der Gesellschaft. Um sich darüber klar zu werden, muss man nur einmal aufmerksam die Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln beobachten. Ich tue das oft.
Dabei fällt schnell auf, setzt sich eine Person mit geistiger Behinderung zu einem Fahrgast ohne Behinderung, steht die nichtbehinderte Person oft sofort auf und bleibt in der vollbesetzten U-Bahn tatsächlich lieber stehen, als bei jemandem mit Behinderung zu sitzen. Das Erschreckende daran ist, dass diese Situation leider regelmäßig genau wie geschildert beobachtet werden kann. Das sind keine Einzelfälle! Außerdem ist es jedes Mal auf´s Neue beschämend. In unserer Gesellschaft wird es als normal empfunden, Menschen mit geistiger Behinderung abstoßend zu finden. Niemand möchte etwas mit ihnen zu tun haben. Das ist zwar nur eines von vielen Beispielen, aber es zeigt mehr als deutlich, dass Menschen mit Behinderung in dieser Gesellschaft nicht akzeptiert und nicht respektiert werden.

Noch ein Beispiel – vielleicht ist dieses sogar noch drastischer: Das Adjektiv „behindert“ (von „Behinderung“=körperliche oder geistige Einschränkung) wird mittlerweile immer wieder als Schimpfwort benutzt. Ich bin mir sicher: Jeder von uns hat den Satz „Bist Du behindert?!“ im Sinne von „Bist Du dumm?!“, „Bist Du bescheuert?!“ oder „Spinnst Du?!“ schon mindestens einmal gehört. Auch das ist gesellschaftsfähig geworden – oft ist denjenigen, die solche Sätze von sich geben gar nicht bewusst, was sie einem Menschen mit Behinderung da eigentlich gerade antun – woher sollen sie auch wissen, dass das verletzend ist? Sie kommen ja aufgrund der Tatsache, dass die Inklusion in diesem Land kläglich scheitert, selten bis gar nicht mit behinderten Menschen in Berührung.

Hier kommt jetzt die AfD ins Spiel. Denn sie spreizt die ohnehin schon vorhandene Lücke in der Gesellschaft zwischen Menschen mit und ohne Behinderung durch ihre konsequente Totalablehnung von Inklusion immer weiter auseinander.

Diese Partei fordert in ihrem Wahlprogramm, dass Menschen mit Behinderung nicht gemeinsam mit nichtbehinderten Menschen in die Schule gehen dürfen. Folgendes steht hierzu im Wahlprogramm der AfD zu bayerischen Landtagswahl 2018, Seite 49, Kapitel 6.2.3: „Ideologisch motivierte Inklusion beenden“: „An Bayerns Schulen herrschen durch eine ideologisch motivierte und betriebene Inklusion zum Teil unhaltbare Zustände: So werden durch eine sinnfreie Integration von verhaltensauffälligen bzw. minderbegabten Schülern in ungeeignete Schulformen die Vermittlung des Lernstoffs und die Förderung der regulär in diesen Klassen sitzenden Kinder vereitelt. […] An erster Stelle sollte immer das Wohl aller Schüler und auch der Lehrer stehen.“
Inklusion lehnt die AfD also nicht nur strikt ab, sondern behauptet obendrein auch noch, dass das Wohlergehen von Schülern und Lehrern unter der Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Schulleben leide.
Für mich, als jemanden der das Fachabitur trotz Behinderung gemeinsam mit Menschen ohne Behinderung an einer staatlichen bayerischen Regel-Fachoberschule absolviert hat, fühlt sich dieser Satz an wie ein Schlag ins Gesicht. Wie sollen wir den Weg hin zu einer offenen, inklusiven Gesellschaft beschreiten, solange es in diesem Land eine Partei gibt, die jegliche Versuche diesen weiten Weg weiterzugehen, bereits im Keim – nämlich schon beim Heranwachsen neuer Generationen dieser Gesellschaft – ersticken will? Das ist unter den momentan gegebenen Verhältnissen nicht möglich!

Deshalb lautet mein Appell: Helft mit, diese Entwicklung zu stoppen, damit vielleicht eines Tages auch diejenigen, die es bis heute (immer) noch nicht begriffen haben verstehen, dass Menschen mit Behinderung ganz genauso Teil der Gesellschaft sind, wie jede/r Andere auch!

 


Externe Quellen: